KlangHaus Festival 18. – 20.2 2021

Im April 2020 sollte das Festival für neue Musik im Stadthaus Ulm erstmalig unter seinem neuen Namen „KlangHaus“, verbunden mit dem Titel „Monte Verità“ stattfinden.
Die gänzlich veränderte Situation fordert nun neue programmatische Ideen für die auf den Februar 2021 verlegten Konzerte.
„Nähe“ und „Distanz“ erfahren derzeit im Konzertkontext ungeahnte, ja dramatische Präsenz, indem sie zur grundlegenden, Raum und Stückwahl reglementierenden Instanz und damit zum sozialen und ästhetischen Parameter musikalischer Live-Aufführungen werden.
Sowohl der Prozess der Entstehung als auch die Rezeption von Musik werden in diesen Tagen durch Künstler*innen und Publikum neu erfahren und bewertet:
gerade in den durch Lebendigkeit und intellektueller wie sensueller Vielschichtigkeit geprägten KlangHaus-Konzerten manifestiert sich die Dimension musikalischer Live-Aufführungen – im Sinne eines kollektiven Akts von Ausführenden und Publikum. Vielleicht ist es etwas vom Urgrund der Musik, jener archaischen Verankerung im Kultischen, die durch den neuen Fokus wieder aufscheint.

Das ausgeklügelte Programm, das eine Mischung aus herausragenden Werken der letzten 50 Jahre und aktuellen Kompositionen jüngerer und junger Komponist*innen bildet, verspricht zusätzliche außergewöhnliche Ereignisse und Situationen, wenn Saal und Haus selbst in eigens dafür komponierten Werken zu „Resonanzräumen“ werden. Es geht um Musik, die berühren möchte und um Klänge, die herausfordern, um Kompositionen, die intellektuell und sinnlich anregen.
Zwei Uraufführungen (ermöglicht durch den „freundeskreis neue musik im stadthaus“) werden dieser Idee besondere Referenz erweisen: einmal ein Werk des international renommierten Saxofonisten und Komponisten Hayden Chisholm – für Sopran (Maria Rosendorfsky) und weitläufig verteilte Saxofonisten. Und ein großes – für das gesamte Haus geschriebene – Stück von Antonis Anissegos, als Pianist und Komponist ebenfalls auf den Bühnen der Welt zuhause und als langjähriges Mitglied des European Music Project in Ulm bekannt.
Nachspüren wollen wir den Möglichkeiten der in einigen Stücken kompositorisch eingesetzten (Live-)Elektronik hinsichtlich der physischen Präsenz und Nähe des erweiterten Klangs im Raum.

Revolutionär und epochemachend für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die frühen  Kompositionen von Krysztof Penderecki, wie etwa sein 2. Streichquartett,  George Crumbs „Black Angels“, für elektrisches Streichquartett oder Luigi Nonos „La Fabbricca Illuminata“, für Stimme und 4Kanal-Raumklang. Demgegenüber stehen neue Werke, wie z.b. „dead wasps in the jam-jar (iii)“, für präpariertes Streichquartett und Sinuswellen  der jungen preisgekrönten Komponistin Clara Ianotta sowie eine multimediale Komposition der Amerikanerin Laurie Schwartz, eine Hommage an die von Marcel Duchamp zur Muse stilisierte Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, der eigentlichen „Erfinderin“ des ihm zugeschriebenen „Fountain“.  Das 1968 entstande „Okanagon – Der Herzschlag der Erde“ des Römers Giacinto Scelsi wiederum spiegelt den spirituellen Geist des Komponisten. Georg Friedrich Haas´ „Schattenspiel“ stellt das Klavier durch den Einsatz von Elektronik in einen großen spektralen Klangraum. David Langs „Simple Song #3“ aus dem Soundtrack zum  Film  „Youth“ / „Ewige Jugend“ wird in einer vom Komponisten eigens für das European Music Project arrangierten Neufassung uraufgeführt werden.
Sarah Nemtsovs „Seven Thoughts–Her Kind“  für Samplekeyboard wird vom jungen Ulmer Pianisten Janis Pfeifer gespielt.

Nicht nur die veränderte Situation, auch die Programme des Festivals fordern  Interpret*innen, welche bereit sind, ihre  Komfortzonen immer wieder zu verlassen, um Musik im Jetzt entstehen zu lassen:
das Künstler*innen-Profil zeigt eine Mischung aus internationalen Solist*innen. Dazu gehören beispielsweise die Vokalistin Anna Clementi, der Saxofonist Hayden Chisholm und die  Cellistin Anne Müller, welche im letzten Jahr ihr erstes Solo-Album beim renommierten Londoner Label Erased Tapes veröffentlichte, nachdem sie durch ihre Zusammenarbeit mit dem aus der Club- und Neo-Klassik-Szene stammenden Nils Frahm bekannt wurde – und im regionalen Raum verankerten Größen wie die Sopranistin Maria Rosendorfsky, der erwähnte Janis Pfeifer und der Saxofonist Dieter Kraus. Anissegos´Raumklang-Werk „Ram“ wird durch das Ensemble „consord“ realisiert, während das bewährte „European Music Project“ in unterschiedlichen Formationen wieder als Ensemble-In-Residence präsent sein wird.

Jürgen Grözinger.

In April 2020, the festival for new music in the Stadthaus Ulm should take place for the first time under its new name „KlangHaus“, combined with the title „Monte Verità“.

The completely changed situation now demands new programmatic ideas for the concerts, which have been postponed to February 2021.

„Proximity“ and „distance“ are currently experiencing unimagined, even dramatic presence in the concert context, in that they are becoming the fundamental instance regulating space and choice of piece, and thus the social and aesthetic parameter of live musical performances.

Both the process of creation and the reception of music are being re-experienced and re-evaluated by artists and audiences alike:

It is precisely in the KlangHaus concerts, characterized by liveliness and intellectual as well as sensual complexity, that the dimension of live musical performances manifests itself – in the sense of a collective act of performers and audience. Perhaps it is something of the primordial nature of music, that archaic anchoring in the cultic, which reappears through the new focus.

The ingenious program, which is a mixture of outstanding works from the last 50 years and current compositions by younger and young composers*, promises additional extraordinary events and situations when the hall and the house themselves become „resonant spaces“ in specially composed works. It is about music that wants to touch and about sounds that challenge, about compositions that stimulate intellectually and sensually.

Two world premieres (made possible by the „freundeskreis neue musik im stadthaus“) will pay special tribute to this idea: once a work by the internationally renowned saxophonist and composer Hayden Chisholm – for soprano (Maria Rosendorfsky) and widely distributed saxophonists. And a large piece – written for the entire house – by Antonis Anissegos, as a pianist and composer also at home on the stages of the world and known as a long-time member of the European Music Project in Ulm.

We want to trace the possibilities of the (live) electronics used compositionally in some pieces with regard to the physical presence and proximity of the extended sound in space.

Revolutionary and epoch-making for the second half of the 20th century are the early compositions of Krysztof Penderecki, such as his 2nd string quartet, George Crumb’s „Black Angels“, for electric string quartet or Luigi Nono’s „La Fabbricca Illuminata“, for voice and 4-channel spatial sound. In contrast, there are new works, such as „dead wasps in the jam-jar (iii)“, for prepared string quartet and sine waves by the young award-winning composer Clara Ianotta, as well as a multimedia composition by the American Laurie Schwartz, a homage to the Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, stylized as a muse by Marcel Duchamp, the actual „inventor“ of the „Fountain“ attributed to him.  The 1968 „Okanagon – The Heartbeat of the Earth“ by the Roman Giacinto Scelsi, in turn, reflects the composer’s spiritual spirit. Georg Friedrich Haas‘ „Schattenspiel“ places the piano in a large spectral sound space through the use of electronics. David Lang’s „Simple Song #3“ from the soundtrack to the film „Youth“ / „Ewige Jugend“ will be premiered in a new version arranged by the composer especially for the European Music Project.

Sarah Nemtsov’s „Seven Thoughts-Her Kind“ for sample keyboard will be performed by the young Ulm pianist Janis Pfeifer.

Not only the changed situation, but also the programs of the festival demand interpreters who are willing to leave their comfort zones again and again in order to let music emerge in the now:

the artist profile shows a mixture of international soloists. These include, for example, vocalist Anna Clementi, saxophonist Hayden Chisholm and cellist Anne Müller, who last year released her first solo album on the renowned London label Erased Tapes, after becoming known through her collaboration with Nils Frahm, who comes from the club and neo-classical scene – and greats anchored in the regional area such as soprano Maria Rosendorfsky, the aforementioned Janis Pfeifer and saxophonist Dieter Kraus. Anissegos‘ space-sound work „Ram“ will be realized by the ensemble „consord“, while the proven „European Music Project“ will again be present in various formations as Ensemble-In-Residence.

Juergen Groezinger